Herr Hager, auf ein Wort – zum Thema Wirtschaft (Teil 2).

Im zweiten Teil unseres Wirtschaft-Interviews mit Gert Hager gehen wir näher auf die Zukunft der Wirtschaft in Pforzheim ein, unter anderem zum Zusammenspiel mit der Hochschule und über das Ansinnen der Porsche AG zu einer Ansiedlung in Pforzheim. Den ersten Teil des Interviews lesen Sie hier.

Initiative Pforzheim: Wann werden Sie die Zusammenarbeit zwischen Stadt, Enzkreis, IHK und Hochschule verbessern, zum Beispiel beim Zentrum für Präzisionstechnik?

Gert Hager: Gerade das Zentrum für Präzisionstechnik – kurz ZPT – ist ein herausragendes Beispiel für die Zusammenarbeit in der Region. Gemeinsam entwickelt mit der Hochschule, unter Beteiligung der Kammern, vor allem mit den angesprochenen Unternehmen und möglicherweise auch mit einer großzügigen Beteiligung des Enzkreises ist dies ein hervorragendes Beispiel dafür, wie die Region in Zukunft agieren muss.

Weitere Beispiele wie Jobvermittlungsbörsen, Vermittlung von Praktika, Thesis-Arbeiten und vieles mehr gibt es bereits heute. Auch die Werkschau oder der gemeinsam getragene Werkstofftag sind wichtige Bausteine für die Entwicklung unserer Region.

Dies ist Gegenwart und nicht Zukunft! Ich spreche hier übrigens ganz bewusst von der Region. Die Stadtverwaltung unterscheidet bei ihren Aktivitäten nicht danach, ob ein Unternehmen in Pforzheim seinen Sitz hat oder aus der Region kommt – das ist unwichtig.

Initiative Pforzheim: Wie wollen Sie die Herausforderungen von “Industrie 4.0” in Pforzheim angehen und wann werden Sie auf die Hochschulabgänger beziehungsweise die Betriebe zugehen?

Gert Hager: Der datengetriebene Wandel in der Wirtschaft, der mit dem Begriff “Industrie 4.0” symbolisiert wird, ist nur ein Beispiel für die Zukunft unseres Wirtschaftslebens. Durch die neuen technologischen Möglichkeiten und die rasante Entwicklung im IT- und Medienbereich wird es immer mehr zu vernetzten Produktionsprozessen kommen. Nicht mehr – wie jahrzehntelang gewohnt – die Fertigung eines Einzelteils oder die Ausführung eines Arbeitsschrittes werden im Vordergrund stehen. Vielmehr werden sich unsere Unternehmen zu Systemlieferanten entwickeln. Dies ist ein weltweiter und nicht mehr umzukehrender Prozess.

Glücklicherweise haben dies schon sehr viele Unternehmen in unserer Region erkannt. Die Stadt unterstützt diesen Umbau der regionalen Wirtschaft bereits seit einigen Jahren sehr intensiv durch so genannte Cluster-Initiativen wie Hochform für die Metallindustrie oder durch den Aufbau des Netzwerks IT + Medien. Das ist also alles keine Zukunftsmusik, sondern wird bereits heute aktiv betrieben.

Initiative Pforzheim: Mit welchen konkreten Angeboten wollen Sie zeitnah jungen Existenzgründern in Pforzheim eine Chance eröffnen?

Gert Hager: Mit dem Innotec und dem Emma-Kreativzentrum gibt es bereits heute gut ausgelastete Gründerzentren, in denen Existenzgründer mit entsprechender Unterstützung ihre ersten Schritte machen können. Für die kreativen Berufe in Gestaltung und Design wird es mit dem in den nächsten Wochen fertiggestellten Alfons-Kern-Turm neue Möglichkeiten zur Präsentation geben.

Ebenso vermitteln wir über die Immobilienbörse der Wirtschaftsförderung geeignete Gewerbeflächen. Mit der intensiven Existenzgründungsberatung der Kammern arbeiten wir sehr gut und effizient zusammen.

Initiative Pforzheim: Sie arbeiten offensichtlich mit dem Gemeinderat zusammen die von der Bevölkerung abgestimmte Prioritätenliste des Masterplans ab. Sind durch den viel diskutierten Masterplan-Prozess positive Auswirkungen in der heimischen Wirtschaft festgestellt worden? Welche Vorteile hat Pforzheim durch die intensive Beteiligung der Bürger?

Gert Hager: Der Masterplan-Prozess hat zwei große Wirkungen: Zum einen wurden durch den Masterplan-Prozess sehr viele Bürgerinnen und Bürger für die Erfordernisse unserer heimischen Wirtschaft sensibilisiert. Vernetzte Wirtschaftssysteme im Sinne von “Industrie 4.0” gehören ebenso dazu wie gewaltige Anstrengungen zur Qualifizierung von Arbeitskräften. Die Arbeitslosigkeit ist unter anderem dadurch aktuell auf den tiefsten Stand seit 20 Jahren zurückgegangen.

Zum anderen stelle ich fest, dass vielen Bürgerinnen und Bürgern stärker als früher sehr bewusst ist, dass wir alle Anstrengungen unternehmen müssen, um gute Rahmenbedingungen in unserer Stadt zu entwickeln. Als Beispiele seien da neue Gewerbegebiete, ein Wohnstrukturkonzept, die Innenstadt-Entwicklung aber auch große Investitionen in Bildung und Betreuung genannt. Außerdem ist durch den Masterplan-Prozess sehr deutlich geworden, wie all diese Strukturen zusammenhängen. Ein großer und sehr wertvoller Lernprozess für uns alle.

Initiative Pforzheim: Welche Vorschläge werden Sie der Bevölkerung vorlegen, um in Zukunft die Arbeit des Wirtschaft und Stadtmarketing Pforzheim (WSP) noch stärker auf das Kerngeschäft zu fokussieren?

Gert Hager: Das Kerngeschäft des WSP liegt schon heute in der aktiven Wirtschaftsförderung und im Tagungsgeschäft des touristischen Sektors. Die Wirtschaftsförderung ist sehr aktiv, um die Zusammenarbeit mit den Unternehmen unserer Region noch stärker zu intensivieren, sowie neue Unternehmen nach Pforzheim zu holen. Das City-Marketing und die Zusammenarbeit mit dem Einzelhandel gehören dazu.

Bei der jetzt anstehenden Entscheidung, wie es mit dem Congresscentrum Pforzheim (CCP) weitergehen soll, favorisiere ich eindeutig einen Betrieb in städtischer Hand. Nur so können Tagungsgeschäft und touristische Aktivitäten sinnvoll miteinander verknüpft werden. Abgesehen davon hängt viel Herzblut der Bürgerschaft am CCP. Aus diesen Gründen schlage ich dem Gemeinderat den Erwerb des CCP und Weiterführung des CCP in städtischer Regie vor.

Im Umkehrschluss heißt das, dass Aufgaben auf den Prüfstand gehören, die nicht Kerngeschäft des WSP sind. Vieles ist historisch nur deshalb dem WSP zugewachsen, weil es politisch gewollt war und es innerhalb der Stadt keine andere Institution dafür gab. Als Beispiele nenne ich unseren “Gruschtelmarkt” und die St.-Maur-Halle. Beides ist wichtig für die Attraktivität unserer Stadt und auch für die Identifikation der Bürgerschaft mit Pforzheim. Aber warum sollen beide Einrichtungen in Zukunft unbedingt vom WSP betrieben werden müssen?

Es gibt genügend private Veranstalter, die den “Gruschtelmarkt” nach unseren Vorgaben in hoher Qualität und preisgünstig durchführen können.

Oder weiter: Muss die St.-Maur- Eislaufhalle, die im Sommer für mehrere Monate leer steht, unbedingt von einer Kommune betrieben werden? Ich meine: Nein. Deshalb wird der Verkauf geprüft. Natürlich unter der Auflage, dass im Winter weiterhin Eislaufbetrieb möglich sein muss.

Initiative Pforzheim: Es ist Ihnen gelungen, Porsche für Pforzheim zu gewinnen. Was kommt denn nun genau und was macht sie so sicher, dass es nicht wieder “versemmelt” wird wie die angedachte große Bosch-Ansiedlung vor einigen Jahrzehnten oder die durchaus mögliche Platzierung eines Daimler-Werkes für die A-Klasse?

Gert Hager: Die zukünftige Ansiedlung von Porsche und seinen Zulieferern ist eine großartige Chance für Pforzheim! So sieht es auch der weit überwiegende Teil der Bürgerinnen und Bürger. Es kann jetzt natürlich noch nicht gesagt werden, was ein Weltkonzern wie Porsche in sieben Jahren genau braucht – zu sehr ist die Welt des Automobils im Umbruch.

Zu diesem Ansiedlungsprojekt muss man wissen: Unternehmen wie Porsche werden sich technologisch stark verändern, zum Beispiel hin zur Elektromobilität. Mit “Industrie 4.0” werden sich aber auch die Produktionsprozesse in noch nicht vorstellbarer Weise verändern. Bereits heute wird sichtbar, dass in wenigen Jahren auch bei Porsche die Fertigungstiefe – also das was im Unternehmen selbst hergestellt wird – deutlich zurückgehen wird. Porsche selbst geht in naher Zukunft nur noch von einer Fertigungstiefe von 20 bis 25 % aus. Das heißt, dass der überwiegende Teil von Teilen von externen Herstellern zugeliefert wird – und zwar komplett in Systemen.

Das ist High-Tech, eine hochwertige Produktion. Genau das ist angedacht für Pforzheim. Manche mutmaßen, es käme Logistik auf großer Fläche mit wenig Arbeitsplätzen. Das ist grundfalsch. Mit Porsche bin ich einig, dass wir gute Produktion, möglicherweise kombiniert mit Forschung und Entwicklung, in unserer Stadt ansiedeln werden.

Diese Riesen-Chance dürfen wir nicht vertun, denn sie käme nie wieder. Hätten wir das damals von Bosch in Pforzheim geplante Werk mit mehreren tausend Arbeitsplätzen, bräuchten wir uns aktuell keine Sorgen zu machen. Sehr viele positive Rückmeldungen aus der Unternehmenslandschaft wie auch aus der Bürgerschaft machen mich sicher, dass Pforzheim dieses Mal den Fehler aus der Vergangenheit nicht noch einmal machen wird.

Mit der Vorstandschaft von Porsche bin ich einig, dass wir die Weiterentwicklung des Projekts für Pforzheim gemeinsam vorantreiben.

Initiative Pforzheim: Herr Hager, wir bedanken uns für das Interview.