Herr Hager, auf ein Wort – zum Thema Wirtschaft.

Zum Thema Wirtschaft haben uns in den letzten Tagen und Wochen aufgrund aktueller Entwicklungen eine Vielzahl an Fragen erreicht, die wir in unserem nächsten Interview an Gert Hager gestellt haben. Den ersten Teil dieses Interviews lesen Sie hier, der nächste Teil wird in den nächsten Tagen veröffentlicht.

Initiative Pforzheim: Die Firma Hafner hat ihre Produktion in den Enzkreis verlagert. Dadurch sind Arbeitsplätze in der Stadt verloren gegangen. Wie hat sich das auf die Gesamtentwicklung und die Qualität der Arbeitsplätze in Pforzheim ausgewirkt?

Gert Hager: Es ist äußerst bedauerlich, dass die Fa. Hafner einen großen Teil ihrer Aktivitäten in den Enzkreis verlagert hat. Übrigens: Ein wichtiger Betriebsbereich befindet sich nach wie vor in Pforzheim, oben auf der Wilferdinger Höhe. Nach Aussage der Geschäftsführung soll dies auch so bleiben.

Die Gesamtzahl der Arbeitsplätze in Pforzheim hat dies nicht negativ beeinflusst: im Jahre 2009 waren es noch 48.000 Arbeitsplätze, aktuell sind es rund 56.000 – also im Saldo 8.000 mehr innerhalb von sieben Jahren! Dabei sind auch sehr viele hochwertige und zukunftsträchtige Arbeitsplätze, vor allem in der Metallindustrie und im Bereich der Informationstechnik (IT) und Medien entstanden.

Initiative Pforzheim: Sind durch die Verlagerung zum Beispiel von Hafner die Gewerbesteuereinnahmen insgesamt zurückgegangen? Wenn ja, wie wollen Sie gegensteuern?

Gert Hager: Die Gewerbesteuereinnahmen lagen nach der Jahrtausendwende jahrelang bei knapp 50 Millionen Euro pro Jahr. In den Jahren 2011 und 2012 konnten mit Sondereffekten auch mal 100 Millionen Euro eingenommen werden. Seither pendelt sich das Gewerbesteueraufkommen bei 75 bis 80 Millionen Euro ein. Der Einfluss des teilweisen Hafner-Wegzugs auf die Steuereinnahmen ist hier eher gering.

In den vergangenen Jahren machen sich aber leider vor allem im Finanzsektor deutliche Steuerertragsrückgänge bemerkbar – dies ist angesichts der Nullzins-Politik der Europäischen Zentralbank leider kein Wunder.

Wir benötigen auch in den kommenden Jahren weitere Unternehmensansiedlungen oder Erweiterungen von bereits hier ansässigen Firmen und damit auch noch mehr Arbeitsplätze. Hier stimmen mich unter anderem die zukünftigen Standort-Interessen von Porsche und die zeitlich wesentlich näher liegende Werks-Ansiedlung der Firma Rutronik sehr optimistisch. Aber auch von vielen Pforzheimer Unternehmen weiß ich, dass sie in den kommenden Jahren spürbar wachsen wollen. Insgesamt sind dies sehr positive Aussichten, die sich dann auch bei den Steuereinnahmen bemerkbar machen werden.

Initiative Pforzheim: Mit der Schmuckindustrie ist Pforzheim groß, weltbekannt und wohlhabend geworden. In diesem Jahr begehen wir das 250-jährige Jubiläum ihrer Gründung. Wer finanziert das Jubiläum? Hätte man mit dem Millioneneinsatz nicht besser zum Beispiel Kindertagesstätten bauen sollen?

Gert Hager: Mit diesem Jubiläum erzielen wir einen dreifachen Effekt: Pforzheim wird außerhalb ganz anders, intensiver und sehr viel positiver wahrgenommen als bisher. Das darf im harten Standortwettbewerb nicht unterschätzt werden. Außerdem gibt es uns die Möglichkeit, dies als Plattform für eine Ornamente II, III, IV etc. im 5-Jahres-Rhythmus zu nutzen. Damit können wir die Stärken Pforzheims anders und vor allem regelmäßiger zeigen als bisher. Und drittens hat dies auch eine Wirkung nach innen: in einer Stadt, in der bezogen auf 1960 nur noch 15 % der Bürgerschaft angestammt ansässig sind, führt dies auch zu einer ganz anderen Identifikation der Bürgerschaft mit Pforzheim als bisher – eine großartige Chance für unsere Stadtgesellschaft!

Es ist richtig – mit dem städtischen Anteil hätte man eine Kindertagesstätte bauen können – aber leider auch nur bauen. Nicht finanziert hätte man aber damit den Betrieb, der für eine größere Kindertagesstätte im Bereich von 500.000 Euro und mehr pro Jahr liegt. Insofern wären wir mit dem für das Schmuck-Jubiläum einmalig eingesetzten Geld nicht weit gekommen.

Allerdings ist auch klar, dass wir die notwendigen Betreuungsplätze auch neben dem Schmuck-Jubiläum schaffen werden: in den Jahren 2017 und 2018 werden knapp 500 zusätzliche Plätze geschaffen, die Planung bis 2020 sieht weitere rund 600 Plätze vor. Dies entspricht auch dem Alters-Aufwuchs der Kinder aus der enormen Zuwanderung der letzten 2 bis 3 Jahre.

Initiative Pforzheim: Womit wollen Sie Betriebe nach Pforzheim locken? Mit neuen Gewerbeflächen, mit einer umgebauten und attraktiveren Innenstadt? Was haben Sie vor?

Gert Hager: Um mehr Unternehmen nach Pforzheim zu holen oder ansässigen Firmen Möglichkeiten zur Erweiterung zu geben, brauchen wir geeignete Gewerbeflächen. Leider hat Pforzheim aufgrund der historischen Entwicklung nur halb so viel Gewerbefläche wie die vergleichbaren Städte Ulm, Heilbronn oder Reutlingen. Da müssen wir in Pforzheim einiges nachholen. Und das tun wir auch: derzeit befinden sich 2 große Gewerbegebiete mit zusammen rund 100 Hektar Fläche in der Entwicklung – das ist die Größenordnung, die wir für die nächsten 15 bis 20 Jahre benötigen.

Für die Wahrnehmung einer Stadt ist die Innenstadt entscheidend. Und da sieht es in Pforzheim derzeit leider nicht sonderlich gut aus. Während fast alle Städte um uns herum in ihre Innenstädte investiert haben, hat sich in Pforzheim in den letzten drei Jahrzehnten wenig bis nichts getan. Da müssen wir dringend rangehen, denn eine attraktive Innenstadt ist auch für die Gewinnung von Fachkräften und Wohnbevölkerung enorm wichtig.

Und es geschieht sehr viel: Das Sedan-Viertel ist fertiggestellt und wird sehr gut angenommen. Im kommenden Jahr wird die Fußgängerzone in der Innenstadt neu gestaltet und auch das große Projekt “Innenstadt-Ost” kommt gut voran.

Sowohl die wirtschaftliche Entwicklung unserer Stadt als auch die Innenstadt-Entwicklung sind übrigens zwei von vier Oberzielen des mit den Bürgerinnen und Bürgern entwickelten Masterplans.

Initiative Pforzheim: Wollen Sie zukünftig die Zusammenarbeit zwischen Hochschule und Wirtschaft stärker ausbauen? Für welche heimischen Betriebe ist die Hochschule Pforzheim zukünftig von besonderem Vorteil?

Gert Hager: Früher wurde die Hochschule kaum wahrgenommen – weder in und von der Stadt, noch von den ansässigen Unternehmen. Das hat sich in den letzten Jahren deutlich zum Positiven verändert: unter anderem mit einem von der Stadt betriebenen Hochschul-Service gelingt es, Studenten und Absolventen an die Unternehmen unserer Region zu vermitteln. Ich habe den Eindruck, dass dies von Jahr zu Jahr mehr werden. Denn es erkennen viele, dass ein Berufseinstieg in einem mittelständischen Unternehmen viel gewinnbringender ist, als bei einem Großunternehmen der x-te Bewerber zu sein.

Mit dem Gründerzentrum Innotec und dem Emma-Kreativzentrum geben wir vielen Absolventen auch großartige Chancen, sich nach dem Studium hier in Pforzheim selbstständig zu machen. Daraus sind schon viele inzwischen namhafte Unternehmen mit zahlreichen Arbeitsplätzen entstanden.

Initiative Pforzheim: Wie wollen Sie erreichen, dass künftig mehr Hochschulabgänger in Pforzheim bleiben? Werden Sie Hochschuleinrichtungen in die City bringen und auch für ein stärkeres Kneipenleben im Zentrum sorgen?

Gert Hager: Der Hochschul-Campus befindet sich in erster Linie auf dem Berg beim „Wildpark“. Dies wird sich in den nächsten Jahren nicht ändern. Aber es gibt genügend andere Möglichkeiten.

Es fängt bereits bei der Einschreibung im ersten Semester an: durch aktive Ansprache und gute Wohnangebote gelingt es uns, von der früheren reinen “Pendler-Hochschule” wegzukommen. Zwischen 30 und 40 % der Studenten entscheiden sich heute für Pforzheim als ihren Erstwohnsitz, daran wird weiter gearbeitet. Durch die Vermittlung von Praktika und Thesis-Arbeiten in hiesigen Unternehmen, durch Job-Angebote und die Gründerzentren Emma und Innotec können wir mehr Absolventen eine lohnende Perspektive in Pforzheim geben. Diese Chance wird auch zunehmend genutzt.

Mit dem Alfons-Kern-Turm, der demnächst fertig wird, geben wir den Studenten der Gestaltungs- und Design-Fakultät wunderbare Präsentationsmöglichkeiten, die es so – ein echtes Unding – bislang nicht gab in unserer Stadt.

Aber auch beim studentischen Wohnen tut sich viel: es haben sich richtige Studentenviertel, beispielsweise in der Nordstadt entwickelt; auch das Projekt „Innenstadt-Ost“ wird sicherlich interessante und vor allem zentrale Möglichkeiten bieten. Es wird damit deutlich, dass die Stadt Pforzheim alles tut, um für Studenten während und nach ihrem Studium attraktiv zu sein.

Übrigens: Kneipen gibt es schon heute viele, in die Studenten gerne gehen. Das regelt natürlich der Markt und das kann eine Stadtverwaltung kaum direkt beeinflussen.

Zum zweiten Teil des Interviews zum Thema Wirtschaft.